Erfahrungsbericht - Waschgang in Poneloya, Nicaragua

Surfen bei der Surfing Turtle Lodge

Montag, 2. Mai 2016, Poneloya, Nicaragua. Der mentale Kamp im Kopf ist gewonnen. Die Zweifel sind verdrängt. Es ist 10:00 Uhr. Ich hole das Surfboard aus dem Ständer und schraube meine Softfins an. 10:20 Uhr bin ich startklar. Die Leash hält. Ab ins Wasser! 10:27 Uhr, ich habe die Beachbreaks bezwungen und bin alleine draußen im „Line Up“. Das ging relativ einfach. Habe wohl ein gutes Zeitfenster erwischt und wurde nur zwei mal vom Brett gespült. Pelikane gleiten elegant knapp oberhalb der Wasseroberfläche entlang. Ich grüße Sie anständig. Sie ignorieren mich. Hier draußen ist alles ruhig. Flaches Wasser, windstill, doch der Schein trügt. Ich weiß von meinen morgendlichen Beobachtungen, dass ca. alle 10 Minuten zwei bis drei Meter hohe, hohl brechende Wellen rein laufen, die auf einer Breite von mehreren hundert Metern alles zermalmen. Um diesen zu entgehen, und um mich vom Rauspaddeln zu erholen, bin ich erst einmal deutlich weiter draußen als üblich. Nach fünf Minuten wird mir etwas langweilig. Die Wellen brechen ca. 100 – 150 m hinter meinem Rücken näher am Strand. Wurde ich etwa von einer Strömung weiter hinaus getragen, oder ist das hier wieder nur die Ruhe vor dem Sturm?

Luft habe ich wieder genug. Also zurück in die Gefahrenzone. Beim Paddeln Richtung Strand heben mich die Wellen sanft hoch und lassen mich wieder in das Tal hinab gleiten. Zum Anpaddeln bin ich noch zu weit draußen. Weitere zehn Paddelzüge später drehe ich mich zur Sicherheit um und sehe eine Wasserwand von hinten auf mich zukommen. Kommando zurück! Ich drehe mich 180 Grad und paddle mit Vollgas wieder Richtung offenen Ozean. Die Welle türmt sich schnell auf. Gleich krachen ein paar Tonnen Wasser auf meinen Rücken. Jetzt nicht nachlassen. Weiter mit Vollgas ins Verderben. Der Pazifik oder ich. Zum Glück klappen bei mir bereits 50 % der Duckdives und die Welle ist noch immer nicht gebrochen. Ganz oben kräuselt sich die Wellenlippe schon bedrohlich. Es kann sich nur noch um einen Bruchteil einer Sekunde handeln, bis das beeindruckende Wassergebilde in sich einstürzt. Also Duckdive. Jetzt! Alles ist braun unter Wasser. Kein Vergleich zum kristallklarem Wasser von den Riffen in Sri Lanka, Philippinen oder den Malediven. Irgendwie eine düstere Stimmung. Vor allem, weil ich jeden Moment auf den Einschlag auf meinem Rücken warte. Doch nichts passiert. Ich tauche unversehrt hinter der Welle auf. Das Donnern und die spritzende Gischt, der ich gerade entkommen bin, lassen mich spontan jubeln und zaubern mir ein dickes Grinsen auf mein Gesicht. Ich fühle mich gut. Richtige Entscheidung hier alleine heraus zu paddeln.

Surfer beim Duckdive durch eine Welle

Doch die Ernüchterung lässt nicht lange auf sich warten. Eine mittelhohe Welle bricht direkt vor mir. Meinem Duckdive mit 50 % Erfolgschance traue ich jetzt nicht mehr. Zu hoch und zu kräftig erscheint mir die Gischtwand. Ich stoße das Brett möglichst weit weg und tauche so tief wie möglich runter. Doch es hilft nichts. Ich werde von der Welle erfasst und ordentlich herum geschleudert. Um mich herum nur Sand. Alles ist braun. Zur Beruhigung zähle ich bei solchen Situationen und bei „Whipe Outs“ immer die Sekunden, die ich unter Wasser bin. Bei zehn tauche ich meistens spätestens wieder auf. Dieses Mal ist aber immer noch keine Wasseroberfläche in Sicht. Statt dessen erschrecke ich, als ich den Sandboden deutlich mit dem Fuß unter mir spüre. Ich befinde mich gerade ganz alleine am Grund des Pazifiks in einem Unterwasser-Sandsturm, ca. drei Meter unter der Wasseroberfläche und der Sauerstoffvorrat in meinen Lungen neigt sich dem Ende entgegen. Ein äußerst beklemmendes Gefühl. Zum Glück verfalle ich nicht in Panik. Mit einem kräftigen Stoß Strecke ich mich Richtung Oberfläche. Das Wasser hat sich nun in weißen Schaum verwandelt. Es ist mit so viel Sauerstoff angereichert, dass es mich kaum noch trägt. Bevor ich wieder Luft holen kann, spüre ich einen neuen Schlag. Waschgang zwei hat soeben begonnen. Erneut fange ich das Zählen an. Ich bin überrascht, dass ich die Luft noch so lange halten kann. Nach weiteren sechs Sekunden habe ich die Oberfläche wieder erreicht und kann endlich atmen. Vielleicht war ich insgesamt 20 Sekunden unter Wasser. Das klingt nicht viel, aber unter Anstrengung ist die Luft schnell weg.


Jetzt wieder zurück an der Wasseroberfläche gibt es für mich zwei Alternativen. 1. Fluchtreflex. Schnell zurück an den sicheren  Strand. Oder 2. Schnell wieder raus ins Line Up. Raus aus der Gefahrenzone. Ich entscheide mich für 2. und hoffe, dass mir der Weg Richtung offener Pazifik nicht durch weitere Waschgänge versperrt bleibt. Ich paddle durch eine Mischung aus weißer Gischt und braunem Sand. Diese Mischung trägt mich mit meinem Brett  gerade so. Ich habe Glück und erreiche die sichere Zone weit draußen ohne weitere Zwischenfälle. Ich versuche noch ein paar Wellen zu nehmen, aber wie es meine Beobachtungen vom Morgen befürchten ließen, nur Close Outs. Also ergab ich mich meinem Schicksal. Einen guten Waschgang später liege ich auf meinem Brett und schieße auf einer Gischtwelle zurück an den Strand.